Stochern im unerschlossenen Gebiet

„Dieser WM-Titel wird den Frauenfußball in ganz neue Dimensionen befördert!“ – „Der Berichterstattung über Frauenfußball sollte am Wochenende ein genauso großer Rahmen eingeräumt werden wie dem Bundesligafußball der Männer!“ – Natürlich sehen wir Silke Rottenberg auf einer Stufe mit O. Kahn!“ – „Irgendwann wird der Name Nia Künzer in einem Atemzug mit Klinsmann oder Bierhoff genannt werden.“

Wer hat sie nicht noch im Ohr, die Phrasen, die in Fußball-Deutschland nach dem Gewinn des WM-Titels der Fußballfrauen durch Funktionäre, Fans und Presse zu hören waren? Hätte in 2003 bereits das berühmte Phrasenschwein existiert, wäre es in kürzester Zeit gnadenlos geplatzt und somit ein Fall für amnesty international sowie den Deutschen Tierschutzbund geworden.

Und wie verhält es sich 2007? Die deutschen Fußballfrauen sind erneut WeltmeisterIn geworden und haben ganz nebenbei einige Rekorde aufgestellt: So blieben sie im Turnier ohne Gegentor und konnten als erste deutsche Nationalmannschaft einen WM-Titel erfolgreich verteidigen. Doch die Berichterstattung in den Medien über unsere Frauen verlief insgesamt sehr schleppend. Einige Zeitgenossen sollen nicht mal mitbekommen haben, dass während der vergangenen Wochen eine Frauenfußball-WM ausgetragen wurde.
Na klar und während des Turniers war es auch viel wichtiger, was der Platzwart von Energie Cottbus zur Entlassung von P. Sander zu berichten hatte. Oder das ein westfälischer Oberligist dem 25.Jahrestag des Aufstieges aus der Bezirksklasse gedachte. Selbst ein ausführliches Spielerportrait von Ede Hüsken, Kopfballungeheuer eines ostfriesischen Sechstligisten, hätte bei den Programmplanern der TV-Sender eine höhere Priorität als sich ernsthaft mit dem Frauenfußball auseinander zusetzen.

Doch wie ist überhaupt die Wertigkeit unserer Fußballfrauen in den Medien? Grund genug für den Verfasser dieser Zeilen, sich seine eigenen Gedanken über die Präsenz und Entwicklung des Frauenfußballs in den vergangenen vier Jahren zu machen.
Was hat sich nach all den vollmundigen Aussagen wirklich verändert? Konnte Fatmire Bajramaj in der BRAVO-Sport mindestens genau so viele Posterveröffentlichungen wie Mehmet Scholl vorweisen? Hängt das Poster von Navina Omilade neben Schweini oder Miro Klose in bundesdeutschen Jugendzimmern? Und wurden von Birgit Prinz mindestens ebenso viele Fanartikel verkauft wie von Prinz Poldi?
Nun, auch der oberflächlich informierte Betrachter der Gesamtfußballszene, der pro Saison auf ganze zwei Live-Erlebnisse im heimischen Stadion kommt, der die Paarung Wolfsburg-Frankfurt noch immer für eine Zweitligabegegnung hält und der sich insgeheim wundert, warum seine Lieblingskicker L. Matthäus und M. Sammer seit längerem nicht mehr den Sprung in die „Kicker-Elf des Tages“ geschafft haben, könnte vermutlich eine umfassend korrekte Antwort geben: In den letzten Jahren hat sich leider kaum etwas Messbares zugunsten der DFB-Kickerinnen ergeben. Ob der 1.FFC Frankfurt daheim von einem Abstiegskandidaten überraschend klar geschlagen wurde oder ob die Spielerinnen des FC Bayern den männl. Kollegen nacheifern und von Sieg zu Sieg eilen – dem interessierten Fußballfan bleiben nur die stummen Ergebnisdienste im Internet. Weder im „Aktuellen Sportstudio“, noch im DSF sind am Wochenende selbst die herausragendsten Spitzenbegegnungen der Kickerinnen zu sehen, obwohl die Versprechungen und Prophezeiungen der Sender nach dem WM-Titel 2003 doch ganz anders lauteten. Lieber wiederholt das DSF die Highlights der Saison 1993/94 in einer Endlosschleife. Oder präsentiert die Zweitligabegegnung des Tabellensiebzehnten gegen den Achtzehnten als absoluten Höhepunkt des 15.Spieltages. Wen interessieren denn da wirklich brisante Paarungen wie Köln-Gladbach, 1860-Augsburg oder den neuen Hessenknaller Offenbach-Wehen? Von der Begegnung 1.FFC Frankfurt – Turbine Potsdam mal ganz abgesehen.
Da könnte die Torfrau Nadine Angerer in einem Ligaspiel fünf Elfer halten, die aktuelle Grippeerkrankung der gesamten Abwehr von Dynamo Dresden würde mehr Aufmerksamkeit in den Medien nach sich ziehen. Oder der vereiterte Weißheitszahn vom Oberhausener Pressesprecher. Oder die defekte Kaffeemaschine in der Geschäftsstelle des SV Meppen.

Ähnlich düster wie in der Fernsehlandschaft sieht es auf dem Büchermarkt aus: Wo finde ich als Trainer einer Frauenmannschaft qualifizierte Lektüre, die mich nicht nur über Raumdeckung aufklärt, sondern auch, wie belastbar die Spielerinnen während bestimmter „Tage“ im Monat sind oder ob Torwarttraining im allerersten Stadium einer Schwangerschaft schädlich ist. Fragen über Fragen, zu denen der überschaubare Markt von Trainingsratgebern keine fundierte Antwort weiß.
Autoren, die zu diesem Thema publizieren möchten, werden von den Verlagshäusern schroff abgewiesen: „Das Potential des Frauenfußballs überschätzen Sie doch wohl ein bisschen.“ heißt es da schnippisch.
Doch hatte es nicht gerade von Seiten des DFB anno 2003 geheißen, ein riesiger Wachstumsmarkt liege brach vor Sendeanstalten, Verlagshäusern, Fanartikelherstellern und Sponsoren? Zur Erschließung dieses Marktes konnte sich bisher aber noch niemand aufraffen. Warum?

Lieber zeigen die Medien, insbesondere das DSF, träge Poker- oder Dartrunden, als sich mit dem Volkssport Nr. 1 in der weiblichen Ausgabe zu beschäftigen.
Auch die Kollegen von Eurosport präsentieren ihren Zuschauern lieber müde Quali-Spiele aus der Südamerika-Gruppe, doch die mitteleuropäischen Fans können leider kaum etwas mit „Knallerpaarungen“ wie Peru - Venezuela anfangen.

Das UEFA-Cup-Finale der Frauen wäre für die Mehrheit der Zuschauer mit Sicherheit interessanter. Nur schade, dass wir weiterhin lange darauf warten müssen.

Autor: Jörg Scharnweber