Frauenfußball - Bestandsaufnahme 3 Jahre nach dem Titelgewinn

(Jörg Scharnweber)

 

12.10.2003: Nach der regulären Spielzeit wird das Finale zwischen Deutschland und Schweden durch ein Golden Goal von Nia Künzer in der 98. Minute entschieden. Deutschland ist zum ersten Mal FußballweltmeisterIn. Ganz Fußballdeutschland jubelte auf. Nachdem die Männer ein Jahr zuvor mit einer durchschnittlichen Truppe, einem Titan Kahn und viel Losglück Vizeweltmeister wurden, dominierten die deutschen Frauen das Turnier in den USA über die ganze Dauer hinweg. Sie zeigten das, was man bei den Männern seit Jahren vermißte: Spielwitz, Einsatzbereitschaft, technische Raffinessen und Kampfgeist, mit dem sie in kritischen Situationen den Schalter immer nochmal umlegen konnten.

 

Wer erinnert sich nicht an die Zukunftsprognosen, die nach dem WM-Titel mutig abgegeben wurden? Experten prophezeiten dem Frauenfußball neue Zuschauerrekorde im 5-stelligen Bereich. Es wurde sogar angeregt, eine eigene Sportsendung auszustrahlen, die sich ausschließlich mit der Frauen-Bundesliga beschäftigten sollte. Die festgefahrene Fußballlandschaft schien mächtig zu wanken.

 

Die Zeichen standen günstig im Spätherbst 2003. Zu einer Zeit also, als Frauenfußball von vielen hartgesottenen männlichen Fans erstmalig als ernstzunehmende Sportart wahrgenommen wurde. Mit schnippischen Bemerkungen über Körbchengrößen entlarvte man(n) sich schnell als Ewiggestriger. Zahlreiche Fans kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus, daß es auch Frauen gelingt, einen sauberen Paß über 20 Meter zu spielen. 

Selbst der ehemalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder konnte nur schwer mit den Verschiebungen im Fußballsport umgehen: Strahlend präsentierte er sich ein Jahr zuvor an der Seite von Rudi Völler. Neben der damaligen Bundestrainerin Tina Theune-Meyer hingegen blickte er nach dem Titelgewinn unsicher in die Kameras. Seine folgende Lobrede auf die Weltmeisterschaftinnen wirkte hölzern und unbeholfen.

 

Doch wie sieht es knapp drei Jahre später aus, nachdem die WM-Heldinnen längst aus den Schlagzeilen verschwunden sind? Sorgt ein abgebrochener Fingernagel von Paris Hilton immer noch für mehr Pressewirbel als der UEFA-Cup-Sieg 2005 von Turbine Potsdam?

Zehrt der Frauenfußball weiterhin vom Gewinn der WM oder folgte nach dem Hype um Spielführerin Birgit Prinz schnell die Ernüchterung? Oder konnte sogar die WM 2006 der Männer zusätzlich eine Art Sogwirkung für den deutschen Frauen-Fußball entfalten?

 

Wir wollten uns genauer informieren und besuchten drei Vereine mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Zielausrichtungen. Unser erster Weg führte uns zum FFC Wacker München, Tabellenachter in der 2.Liga Süd in der abgelaufenen Saison. Turbulente Zeiten hatten die Fußball-Frauen bereits hinter sich: Obwohl sie sehr erfolgreich in der Bayernliga spielten, drohte aufgrund der äußerst angespannten finanziellen Situation des Gesamtvereins FC Wacker eine Abmeldung vom Spielbetrieb. Durch die Unruhe im Verein ließen sich die Spielerinnen vorerst nicht beirren, sondern konnten in den Spielzeiten 1992/93 und 1994/95 Erfahrung in der Bundesliga sammeln.

Dennoch wollten die Fußballerinnen ihre sportlichen Erfolge nicht durch eine verfehlte Finanzpolitik des Vereins aufs Spiel setzen. So nahmen engagierte Spielerinnen die Geschicke in die eigene Hand, vollzogen eine Abspaltung vom Hauptverein und gründeten 1999 den FFC Wacker.

Heute teilt man sich mit dem ehemaligen Hauptverein lediglich das Geschäftszimmer - weitere Berührungspunkte gibt es kaum. Die rein weibliche Vereinsführung versieht hochmotiviert und unter einem enormen Zeitaufwand ihre Aufgaben. Ehrenamtlich, versteht sich.

Der FFC Wacker präsentiert sich in der Öffentlichkeit dynamisch und engagiert. Altbackene

Vereinszeitungen erscheinen keine, dafür gibt die stets aktuelle Homepage Auskunft über das Vereinsgeschehen. 25.000 Zugriffe im Monat sprechen für die gute Qualität.

Langfristig strebt der Verein eine Rückkehr in die Bundesliga an und ging eine Kooperation mit dem TSV 1860 München ein. Beim FFC Wacker hofft man, von den Erfahrungen und Verbindungen der Sechzger zu profitieren und zu lernen: Jugendarbeit, Marketing und Merchandising sollen weiter ausgebaut und optimiert werden.

Positive Effekte nach dem Gewinn des WM-Titels 2003 konnten die Verantwortlichen einige feststellen. Ein großer Zulauf an Spielerinnen habe schon immer bestanden, so die 1.Vorsitzende Christine Schmidt. In den Medien und in der öffentlichen Wahrnehmung fand der Verein endlich mehr Beachtung und Präsenz. Und auch Sponsoren wurden auf den ambitionierten Verein aufmerksam. Die Verantwortlichen des FFC Wacker wirken zufrieden, ohne jedoch den aufmerksamen Blick für die sportliche und finanzielle Zukunft des Vereins zu verlieren.

 

Ganz anders gestaltet sich die Situation beim FC Bayern München. Die Spielerinnen belegten in der Saison 2005/06 einen 8. Platz. Genau wie bei den männlichen Profis herrscht an der Säbener Straße ein hoher Leistungsanspruch. Somit hat der WM-Titel auch in den Folgejahren zu keinen nennenswerten Veränderungen geführt, so die Trainerin der Bayern, Sissy Raith. Auch sei der Mannschaftskader nicht davon abhängig, wieviel Neuanmeldungen von Spielerinnen der Geschäftsstelle monatlich vorliegen. Die 58-fache Nationalspielerin erklärte, ein direkter Einstieg in die 1.Mannschaft sei eher die Ausnahme. Vielmehr müßten sich interessierte Spielerinnen über ein Probetraining in der 2.Mannschaft für ein weiteres Engagement beim FC Bayern empfehlen.

Finanzielle Sorgen sind den Frauen des FC Bayern fremd. Auch der Frauenfußball steht auf einem finanziell soliden Fundament. Der Gesamtverein kann hier auf einen Sponsorenpool zurückgreifen, aus dem auch die Frauenmannschaften anteilig bedient werden. Nein, Geldsorgen muß sich hier wirklich niemand machen. Viel eher finden die Spielerinnen hier Verhältnisse vor, von denen andere Vereine nur träumen können. Auswärtsspiele werden nach Möglichkeit mit dem Flugzeug angetreten. In die Städte ohne Flughafen reisen die Spielerinnen mit dem komfortablen FCB-Reisebus an.

Unterstützt wird der junge Frauenkader des FC Bayern mit einem Durchschnittsalter von 22 Jahren auswärts regelmäßig von den zahlreich vertretenen FCB-Fanclubs, die normalerweise Kahn & Co. anfeuern. Selbst bei Spielen im hohen Norden war es in der Vergangenheit nicht verwunderlich, daß so manche Auswärtsbegegnung zu einem gefühlten Heimspiel wurde.

Mit den Herren Hoeneß und Rummenigge haben die Spielerinnen wenig zu tun. Die Führungsriege der männlichen Profis lasse sich höchstens mal blicken, wenn eine Trainingseinheit an der Säbener Straße angesetzt ist. Normalerweise findet das Training in der Abgeschiedenheit des Sportparks von Aschheim, einem Münchener Vorort, statt. Die Heimspiele werden ebenfalls in dieser ruhigen Idylle bestritten.

Erstklassige Bedingungen hält der FC Bayern für seine Spielerinnen bereit. Es scheint, als wenn keine Strömung von außerhalb die hochprofessionelle Arbeit beeinflussen könnte. Ob Deutschland 2003 den WM-Titel gewonnen hätte oder die Nationalmannschaft damals blamabel in der Vorrunde ausgeschieden wäre, beim Deutschen Meister der Frauen von 1976 würden sich die Uhren genauso weiterdrehen wie bisher.

Es könnte alles so perfekt sein - wenn nur der Vereinsname nicht auch im Frauenfußball ständig polarisieren würde. Trainerin Raith berichtete von einem Hallenturnier, bei dem ihre Spielerinnen gnadenlos ausgepfiffen wurden. Und auch auswärts machte man aufgrund des Reizthemas FC Bayern so manche negative Erfahrung.

Man kann den FC Bayern mögen oder nicht, aber seine Abneigung an den harmlosen Fußballfrauen auszulassen, findet keine nachvollziehbare Rechtfertigung. Ob die Basketballer und die Schachabteilung des Vereins von ähnlichen Vorfällen berichten können?

 

Doch wie kommen die jungen Spielerinnen zu den großen Vereinen? Wer bildet sie aus und wo sammeln sie ihre Erfahrungen? Wie sind die Verhältnisse und Bedingungen an der Basis?

Um dieser Frage nachzugehen, besuchten wir vor den Toren Münchens den Trainer der Fußball-Frauen des TSV Eching, Otto Strasser.

Der TSV wurde 1947 gegründet und die Männer spielten jahrelang in der Bayernliga gemeinsam mit den Münchner Löwen. Die Verantwortlichen des Vereins legten auch in der Vergangenheit sehr viel Wert auf eine gute Jugendarbeit. Doch bis eine Abteilung für Frauenfußball gegründet wurde, vergingen einige Jahre. Im Dezember 2004 war es soweit, interessierten Fußballerinnen wurde die Möglichkeit gegeben, ihren Sport im Verein bei regelmäßigem Spielbetrieb zu betreiben. Mit einer Mischung aus Pioniergeist und Enthusiasmus ging man die ersten Aufgaben in der neu gegründeten Abteilung an. So konnte man vorerst nicht auf die Unterstützung von Sponsoren hoffen. Die Erstausstattung kauften sich die Spielerinnen selber, ebenso wie sie die Fahrten zu den Auswärtsspielen aus eigener Tasche finanzieren mußten und mit dem eigenen PKW anreisten.

Der sportliche Erfolg blieb in der ersten Saison noch aus - zuviel mußte sich noch vom Sportlichen und Organisatorischen einspielen.

Trainer Strasser, erfahrener Haudegen im Männerfußball, machte nach vielen Jahren der Praxis viele neue Erfahrungen im Spielbetrieb seiner Mannschaft in der Kreisklasse Nord. So berichtete er, wie auch die Verantwortlichen des FFC Wacker und des FC Bayern, daß seine Mannschaft auswärts wie wirkliche Gäste empfangen wurden. Schmähungen und Beleidigungen des Auswärtsteams wie im Männerfußball kommen bei den Frauen nicht vor.

Auch bei den Vereinen hat ein Umdenken zugunsten der Frauen eingesetzt: Vorbei ist die Dominanz der männlichen Fußballer, die ihr B-Klassenspiel auf einem gepflegten Rasenplatz austrugen, während die Frauen für ihre Zweitligapartie ein holpriges Feld hinter der Vereinsgaststätte zugewiesen bekamen.

Daß die Fußballerinnen des TSV Eching auf dem richtigen Weg sind, belegt die positive Bilanz der vergangenen Saison, die man mit einem 2.Platz abschließen konnte. Doch die Verantwortlichen lehnen sich nicht selbstgefällig zurück, sondern stellten die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft. Zwischenzeitlich begann man mit dem Aufbau und der Integration eines Nachwuchs-unterbaus für die 1.Mannschaft.

 

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, daß das Interesse am Frauenfußball sehr hoch ist. Tendenz weiterhin steigend. Zahlreiche Vereine mußten Fußball für Frauen in ihr Angebotsspektrum aufnehmen, um den vielen Nachfragen von interessierten Fußballerinnen gerecht werden zu können und die Sportlerinnen nicht an die Nachbarvereine zu verlieren. 

Keinesfalls sind die Fußballfrauen nur geduldetes Anhängsel der Männer. Am FFC Wacker und FC Bayern läßt sich gut ablesen, wie sehr sich die Fußballerinnen innerhalb des Sportes emanzipiert haben und mittlerweile Schlüsselpositionen wie Präsidenten- und Trainerämter selbst bekleiden.

Die Wahrnehmung der Medien hingegen, so versicherten alle Gesprächsteilnehmer übereinstimmend, läßt weiterhin zu wünschen übrig. Im Fernsehen ist der weibliche Fußball kaum präsent und auch die schreibende Zunft berichtet nur unregelmäßig.

 

Es sei denn, Paris Hilton würde wieder ein Fingernagel abbrechen - auf der Tribüne von Turbine Potsdam.

 

Quelle:

"Jörg Scharnweber, Jahrgang 1967, aus Eching bei Freising, arbeitet als Autor und Sportjournalist. Zahlreiche Veröffentlichungen im Print- und
Onlinebereich belegen, daß er die sportliche Seite stets humoristisch und satirisch betrachtet, aber niemals bierernst. Fußball ist für ihn kein
bloßes Hobby, sondern eine echte Lebenseinstellung. 
Seine praktischen Erfahrungen gibt er als Torwarttrainer in seinem Stammverein TSV Eching und an einer Fußballakademie weiter.
Näheres unter www.joerg-scharnweber.de"